Curitiba: The Green Oasis

Brasilien 🇧🇷

Registro 13.09.2026 🇧🇷

Nach zwei Nächten in Riviera de São Lourenço verlassen wir unseren Platz, denn es regnet ohne Ende. Wir entscheiden uns auch die etwas besser ausgebaute BR160/BR021 über Sao Paolo zu nehmen um auf die BR116 zu kommen. Dies, da sich die Meldungen zu Hochwasser und verschütteten Strassen mehren. Auch auf diesem Weg treffen wir auf die unglaubliche Natur die diese Küste prägt. Es regnet allerdings auch heute wieder dauernd und der Entscheid, die besser ausgebauten Strassen zu nehmen war sicher gut. Von Meereshöhe geht es heute wieder auf fast 800m bis rauf nach Sao Paulo, welches wir aber umfahren. Und schon bald sind wir auf der „berühmt berüchtigten“ BR116, der Rodovia Régis Bittencourt oder eben der Rodovia da Morte. In den 1980er und 1990er Jahren war diese Strecke statistisch gesehen eine der gefährlichsten Straßen der Welt. Die Gründe für die extrem hohe Sterberate lagen in einer fatalen Kombination aus Geografie, mangelhafter Infrastruktur und Überlastung. In den Spitzenzeiten (vor allem in den 1990er Jahren) starben auf der Strecke jährlich zwischen 200 und 300 Menschen. Ein einziger schwerer Busunfall im Dezember 1993 forderte beispielsweise auf einen Schlag 41 Todesopfer. Nach jahrzehntelangen Verzögerungen aus Umwelt- und Budgetgründen wurde der vierspurige Ausbau der berüchtigten Gebirgsstrecke Ende 2017 vollständig fertiggestellt. Durch getrennte Fahrbahnen, moderne Tunnel und Notfallspuren ist die Zahl der schweren Frontalkollisionen drastisch gesunken, weshalb der Begriff „Rodovia da Morte“ heute primär ein historischer Beiname für diesen Abschnitt ist. Den ersten, kurzen Abschnitt nehmen wir heute noch mit, den Rest teilen wir auf die nächsten Tage auf und nehmen es gemütlich.

Cachoeira De Cima 14.09.2026 🇧🇷

Endlich zeigt sich die Sonne wieder und schon sieht alles wieder viel schöner aus! Die restlichen Kilometer bis nach Curitiba nehmen wir gemütlich, mit zwei weiteren Übernachtungen auf LKW Parkplätzen. Die Strecke fordert weiterhin höchste Aufmerksamkeit, die Schlaglöcher nehmen nicht ab und das Ausmass der starken Regenfälle ist entlang der Strecke deutlich sichtbar. Gegen Dienstagmittag treffen wir dann kurz vor Curitiba ein, wo wir nochmals Übernachten bevor es dann am Mittwoch in die Mercedes Garage geht.

Curitiba 17.09.2026 🇧🇷

Curitiba, die Stadt der Capybaras! Am besten im Stadtpark Parque Barigui einen Spaziergang machen und geniessen….Aber zuerst gibt es noch ein paar Sachen zu erledigen. Erster Stop ist bei Savana, der lokalen Mercedes-Vertretung in Atuba/Curitiba. Hier gibt es einen Öl-, Ölfilter und Kraftstofffilter-Wechsel. Alles sehr professionell und mit umgerechnet CHF 450 auch ein sehr fairer Preis. Im späteren Mittag ist dann alles erledigt und es geht zu unserem Stellplatz für die nächsten Tage. Etwas ausserhalb des Zentrums von Curitiba liegt der Platz von So Trailers, nicht gross aber sehr sicher. Das ganze ist durch eine Familie geführt und ist gleichzeitig auch eine Camperwerkstatt, welche Ausbauten und Reparaturarbeiten durchführt. Auch Zubehör gibt es und falls etwas fehlt wird es sehr unkompliziert bestellt. Wir nutzen den ersten Tag für einen Besuch des Jardim Botânico Municipal de Curitiba. Der Park ist das berühmteste Wahrzeichen der Stadt und gilt als einer der schönsten Orte Brasiliens. Der Park wurde 1991 eröffnet und erstreckt sich über eine Fläche von rund 240.000 Quadratmetern. Das im Jugendstil errichtete Hauptgewächshaus mit seinen drei markanten Kuppeln ist das Herzstück des Parks. Die Metall- und Glasstruktur wurde vom Londoner Kristallpalast aus dem 19. Jahrhundert inspiriert. Im Inneren wachsen zahlreiche tropische Pflanzenarten aus dem atlantischen Regenwald. Der Weg zum Gewächshaus führt durch geometrisch angelegte, perfekt gepflegte Blumenbeete und Brunnenanlagen, die nach dem Vorbild klassischer französischer Gärten gestaltet sind. Das Muster der Gärten ist der Flagge von Curitiba nachempfunden. Direkt hinter dem Gewächshaus befindet sich ein U-förmiger Raum, in dem Ausstellungen stattfinden, untermalt von den Klängen Vivaldis. Die Galerie ist zudem mit hunderten Solarpaneelen ausgestattet, die einen Großteil der Energie für den Park erzeugen. Und natürlich gibt es ein gutes Kaffeehaus, dass zum Verweilen einlädt. Allerdings ist es heute nicht gerade sehr warm und draussen sitzen ist nicht wirklich angesagt, aber der Besuch des Parks ist ein Muss wenn man in Curitiba ist.

Curitiba 18.09.2026 🇧🇷

Unser Stellplatz ist fest in der „Hand“ von Federvieh, welches auch den Ton angibt. Wer es nicht so toll findet zwischen 3 und 4 Uhr morgens das erste Mal geweckt zu werden, sucht sich besser einen anderen Platz… Die sehr zahlreichen Hähne und Hühner sind sehr neugierig und jede geöffnete Türe ist eine Einladung. Die niedlichen Papageie, Hunde, Katzen, etc. müssen alle hinten anstehen. Wir „entfliehen“ dem Federvieh, denn heute gehts zu Dagostin, wo wir neue Reifen erhalten. Unsere Reifengrösse (215/85R16) ist in Brasilien nicht sehr populär und mit etwas Glück haben wir vier Hankook Dynapro AT2 Reifen gefunden. Heute werden diese montiert und dann sollten wir für unsere Fahrt in den Süden bereit sein. Da unser BJ etwas zu gross für die Werkstatt ist, wird alles vor dem Geschäft erledigt. Die Bedienung ist sehr herzlich und am Ende gibt es noch Fotos für die Instagram Seite von Dagostin. Nächster Stopp ist beim Coiffeur für Adriana, auch dass braucht es zwischendurch. Und auf dem Nachhauseweg gehts noch in den Só Trailers Campershop, wo wir ein Windschutzscheibenreparatur-Kit bestellen, ein kleines aber wertvolles Zubehör für unsere Weiterfahrt in Richtung Süden.

Curitiba 19.09.2026 🇧🇷

Da wir schon mal in Curitiba sind, nutzen wir die Zeit und sehen uns ein paar Sehenswürdigkeiten an. Den Tag beginnen wir mit dem Museu Oscar Niemeyer oder einfach MON. Das markanteste Merkmal ist der futuristische, augenförmige Erweiterungsbau aus Glas und Beton, der scheinbar schwerelos auf einem bunten, 21 Meter hohen Pfeiler über einem Wasserbecken schwebt.
Der weltberühmte brasilianische Architekt Oscar Niemeyer entwarf das Hauptgebäude ursprünglich bereits 1967 (damals als Bildungsinstitut). Jahrzehnte später gestaltete er den ikonischen Augenkopf-Anbau. Als der gesamte Komplex 2002 feierlich eröffnet wurde, war Niemeyer stolze 95 Jahre alt! Es ist ein lebendiges Denkmal für seine Philosophie, dass geschwungene, sinnliche Kurven viel schöner sind als starre, gerade Linien. Mit einer Fläche von 35’000 Quadratmetern ist es das größte Kunstmuseum Lateinamerikas und wurde vom US-Magazin Flavorwire bereits unter die 20 schönsten Museen der Welt gewählt. Und als Tip: Das Kaffee im Museum ist eine absolute Empfehlung!
Weiter geht es in Richtung Stadtzentrum, natürlich zu Fuss….denn es regnet. Wir laufen entlang der Rua XV de Novembro, der ‚Rua das Flores‘. Anfang der 1970er Jahre war die Strasse eine völlig verstopfte, von Autos dominierte Hauptverkehrsachse. Der visionäre Bürgermeister Jaime Lerner wollte sie in die erste reine Fussgängerzone Brasiliens verwandeln. Die Ladenbesitzer protestierten heftig, weil sie Angst vor Umsatzeinbussen hatten. Lerners geniale Lösung: Er liess die Strasse an einem Freitagabend im Mai 1972 heimlich absperren. Innerhalb von nur 48 Stunden rissen Arbeiter das Kopfsteinpflaster auf, verlegten Fliesen, bauten Blumenbeete und installierten Beleuchtungen. Als die Händler am Montagmorgen kamen, war die Strasse autofrei und voller flanierender Menschen. Ein radikaler Coup, der Stadtplanungsgeschichte schrieb! Kurz nach der Eröffnung am besagten Montag drohten wütende Autofahrer, die Absperrungen zu durchbrechen und die Strasse zurückzuerobern. Bürgermeister Lerner reagierte blitzschnell mit einer entwaffnenden Idee: Er rollte riesige Papierbahnen auf dem Boden aus und lud hunderte Schulkinder dazu ein, mitten auf der Strasse mit Wasserfarben zu malen. Kein Autofahrer wagte es, die malenden Kinder zu überfahren. Aus dem Protest wurde ein Fest. Diese Tradition lebt bis heute weiter: Jeden Samstagmorgen wird ein Abschnitt der Strasse für malende Kinder reserviert. Heute ist die Strasse gesäumt von wunderschön restaurierten Jugendstil-Fassaden, unzähligen Blumenkübeln und talentierten Strassenkünstlern. Im früheren Nachmittag öffnet sich dann allerdings der Himmel und wir fliehen ins nächste Restaurant wo wir den Rest des Nachmittags verbringen.

Curitiba 21.09.2026 🇧🇷

Wer Pärke sucht ist in Curitiba am richtigen Ort. Und es scheint, als ob jeder dieser Pärke die anderen überbieten will. Zum Beispiel der Tingui Park: Mitten im Park steht eine wunderschöne, komplett aus Holz gebaute, byzantinische Kirche. Es ist eine originalgetreue Replik der Igreja de São Miguel aus Mallet (Paraná) – der ältesten ukrainischen Kirche Brasiliens. Der Park selbst ist sehr weitläufig und führt zu einen grossen Teil durch Dschungel, was besonders bei heissem Wetter eine Wohltat ist.
Oder der Parque Tanguá: Wo heute gejoggt und fotografiert wird, befanden sich bis in die 1970er-Jahre zwei riesige Steinebrüche (Pedreiras) der Familie Gava. In den 90er-Jahren sollte das stillgelegte, tief zerfurchte Areal eigentlich in eine industrielle Müll- und Recyclingdeponie umgewandelt werden. Die Stadt entschied sich im letzten Moment um, erfand das Gelände völlig neu und eröffnete 1996 den Parque Tanguá als Paradebeispiel für urbane Nachhaltigkeit. Der Garten schliesst direkt an eine steile Klippe an. Von dort oben stürzt ein künstlicher, 65 Meter hoher Wasserfall in den darunter liegenden See. Das Zusammenspiel aus europäischer Schlossgarten-Architektur und rauer, senkrechter Felswand ist ein genialer Blickfang.
Ein weiterer Tip ist der Passeio Público im Zentrum von Curitiba: Gegründet im Jahr 1886 vom damaligen Provinzpräsidenten Alfredo d’Escragnolle Taunay, ist der Passeio Público der erste öffentliche Park und die erste grosse Grünfläche Curitibas. Bevor der Park entstand, war das Gelände ein wildes, sumpfiges Moorgebiet am Fluss Rio Belém. Die Trockenlegung und Umwandlung war ein wegweisendes Meisterwerk, das Curitibas Identität als Brasiliens „grüne Hauptstadt“ überhaupt erst begründet hat. Jahrzehntelang beherbergte der Passeio Público den allerersten Zoo von Curitiba. Heute hat sich das Areal zu einer faszinierenden Zufluchtsstätte gewandelt. Es funktioniert als Zentrum für Vögel und Artenschutz, in dem verletzte Tiere gepflegt und bedrohte Arten nachgezüchtet werden. Wir spazieren hier zwischen prächtigen Aras, Reihern und bunten, exotischen Vögeln, die mitten im Grossstadtdschungel eine Oase gefunden haben.
Und zum Abschluss gibt es noch die Ópera de Arame: Der Architekt Domingos Bongestabs entwarf dieses visionäre, kreisrunde Theater aus Stahlrohren und transparentem Polycarbonat. Das Verrückte: Die gesamte, 360 Tonnen schwere Struktur wurde in rekordverdächtigen 75 Tagen aus dem Boden gestampft und am 18. März 1992 eröffnet! Weil die filigranen, weissen Metallrohre aus der Ferne wie ein feines Drahtgeflecht wirken, taufte die Bevölkerung sie liebevoll „Drahtoper“. Wie die Parks Tanguá und Tinguí zeugt auch die Ópera de Arame von Curitibas genialem Öko-Recycling. Sie wurde mitten in das zerklüftete Becken eines ehemaligen, stillgelegten Steinbruchs (Parque das Pedreiras) gebaut. Das Theater schwebt heute auf Pfeilern inmitten eines künstlich angelegten Sees und ist nur über eine schwebende Fussgängerbrücke erreichbar. Direkt hinter der Bühne stürzt ein dramatischer Wasserfall die steile Felswand hinab – Naturtheater pur! Unter dem Namen Vale da Música läuft hier ein permanent stattfindendes Musikfestival. Auf einer kleinen, schwimmenden Bühne direkt auf dem See spielen von Dienstag bis Sonntag täglich wechselnde Live-Bands Instrumentalmusik – von Jazz über Bossa Nova bis hin zu klassischem Rock. Man kann also auch ganz ohne grosses Opernticket vorbeikommen, im wunderschönen Untergeschoss-Restaurant Opera Arte einkehren, ein kaltes Bier trinken und der Musik lauschen. Auf dem restlichen Gelände gibt es ein noch diverse, permanente Ausstellungen, einige Restaurants und Live-Musik zum geniessen.

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